Archiv der Kategorie: Books

Gelesen – ein Rückblick

Lange lange ist es her, dass ich meine letzte Rezension hier gepostet habe. In der Zwischenzeit bin ich zwar kaum zum bloggen, wohl aber zum lesen gekommen. Damit hier nicht allzu sehr Leere herrscht zeige ich euch jetzt im Schnelldurchlauf mal, was ich in letzter Zeit gelesen habe.

buecher

David Mazzucchelli – Asterios Polyp

Asterios Polyp  ist wirklich kein einfacher Zeitgenosse. Der Architekturprofessor ist es gewöhnt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, schließlich hat er für seine Entwürfe viele Preise gewonnen. Andererseits wurde keiner seiner Entwürfe jemals verwirklicht und auf seine Mitmenschen wirkt er kalt, obwohl er sich nach Liebe und Anerkennung sehnt. Einzig seine Frau Hana scheint hinter die abweisende Fassade schauen zu können, doch sie verlässt ihn schließlich…tolles Graphic Novel, ich liebe Mazzucchellis Stil, statt mit vielen Worten transportiert er Stimmungen, Charaktere und Situationen mit gezielten Strichen.

Jon Ronson – Lost at Sea

Was haben ein Selbstmord-Assistent, ein Superheld im wahren Leben und ein geplanter Amoklauf von Teenagern in einem Weihnachtsdorf in Alaska gemeinsam? Sie sind Stoff für interessante Geschichten, eben Geschichten, die so nur das Leben beziehungsweise Jon Ronson schreiben kann. “Lost at Sea” ist eine Sammlung diverser Reportagen, die Ronson in den vergangenen Jahren in verschiedenen Magazinen veröffentlicht hat, und eine ist schräger als die andere. So begleitet Ronson Robbie Williams zu einer Ufo-Konferenz in der Wüste Nevadas, unterhält sich mit einem Roboter darüber, ob “sie” eine Seele hat oder stöbert einen Mann auf, der ein Atom in seiner Küche spalten wollte. Sehr unterhaltsam!

Atiq Rahimi – Der Krieg und die Liebe

Der junge Afghane Farhad gerät in eine Polizeikontrolle auf den Straßen Kabuls und wird von den Soldaten brutal zusammengeschlagen. Das Losungswort, dass nach der Ausgangssperre gilt wollte ihn einfach nicht einfallen und so landet er im Straßengraben. Eine junge Frau holt den bewusstlosen Mann zu sich und gewährt ihn Unterschlupf und riskiert damit ihr Leben. Eine berührende Geschichte, die wie ein Albtraum an mir vorbeigezogen ist. Nicht alles ist richtig fassbar aber gerade das macht den Charme Rahimis aus.

Hjorth & Rosenfeldt – Die Frauen, die er kannte

Sebastian Bergmans zweiter Fall ist fast noch fesselnder als der erste Fall. Dieses mal treibt ein Serienmörder in Stockholm sein Unwesen und scheint damit in die Fußstapfen des berüchtigten Mörders Edvard Hinde zu treten. Bergman hat Hinde vor vielen Jahren hinter Gittern gebracht und dennoch scheint er seine Hände im Spiel zu haben. Als schließlich das vierte Opfer gefunden wird, wird Bergman klar, dass es sich hier nicht um einen Zufall handeln kann…unterm Strich ist der Plot jetzt nicht revolutionär neu, aber Hjorth & Rosenfeldt haben auf 726 Seiten solide Spannung abgeliefert.

Benedict Wells – Fast genial

Francis Dean ist nicht zu beneiden, der 17-jährige lebt in einen Trailerpark in Claymont und musste seine Mutter wieder einmal in die Psychiatrie bringen. Francis hat ziemlich an der Situation zu knabbern, seine Mutter macht ihn für ihr Elend verantwortlich. Sein Stiefvater hat sich längst mit seinem Halbbruder abgesetzt und Francis ist auf sich selbst gestellt. Bei einem Besuch in der Klinik lernt er die junge Patientin Anne-May kennen, die ihn auf andere Gedanken bringt. Bevor er sich versehen kann ist er mit Anne-May und seinen besten Freund Groover auf dem Weg nach Los Angeles, wo er hofft, seinen leiblichen Vater zu treffen. Ein ebenso komischer wie trauriger Roadtrip, der mich in seiner rasanten Erzählweise an “Tschick” erinnert.

Alan Watt – Die Musik der Wüste

Der siebzehnjährige Neil Garvin ist ein Star in der Footballmannschaft seiner Schule in Carmen, Nevada. Er lebt alleine mit seinem cholerischen Vater, dem Sheriff des Städtchens zusammen. Diesem gibt er mehr oder weniger heimlich die Schuld daran, dass seine Mutter sie im Stich gelassen hat, schließlich würde er selbst oft genug gerne einfach abhauen. Als Neil eines Nachts betrunken von einer Party nach Hause fährt und dabei einen Schulkameraden überfährt wird sein Vater plötzlich zu seinem engsten Komplizen…eine fesselnde Geschichte, die zwischen Krimi und gesellschaftskritischen Roman pendelt und mir stellenweise Gänsehaut beschert hat.

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Steve Tesich – Abspann

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Saul Karoo ist ein extrem erfolgreicher “scriptdoktor”, der Mann also, der in Hollywood missglückte Filmskripts rettet. Leider bezieht sich sein Talent, den Plot zu retten und selbst in hoffnungslosen Fällen einen roten Faden zu finden nur auf sein berufliches Schaffen, sein Privatleben ist in einem verheerenden Zustand. Seit Jahren schon lebt der kettenrauchende Alkoholiker nicht ganz in Scheidung mit seiner Beinahe-Exfrau Dianah und für seinen Adoptivsohn Billy bringt er nur in der Öffentlichkeit scheinbar echte Vatergefühle auf. Neben seinen zahlreichen anderen “Krankheiten” quält ihn vor allen Dingen eines: er kann sich nicht mehr wie früher in die Trunkenheit flüchten. Egal wie viel er trinkt, das Endergebnis ist nur, dass der sein Blick immer klarer wird. Als “Doc Karoo” schließlich den Auftrag bekommt, das letzte Werk der von ihm vergötterten Regie-Ikone Arthur Houseman umzuschreiben gerät sein Leben endgültig ins Wanken…

“Ein heutiger Dante, denke ich, würde sich einen neuen Höllenkreis ausdenken, und zwar das Kofferkarrussell. Und dort, während es sich dreht, würden die Verurteilten und Verdammten dazu verurteilt und verdammt sein, in alle Ewigkeit auf ihre Koffer zu warten, die nie kommen.”

Mit Abspann ist Steve Tesich ein episches Drama in der glitzernden Kulisse des Haifischbeckens Hollywood gelungen. Tesich selbst war lange als Drehbuchschreiber sehr erfolgreich und wurde sogar mit einem Oscar für das Drehbuch von “Breaking Away” ausgezeichnet bevor er 1996 im Alter von 53 Jahren starb. Neben seinen eigenen Erfahrungen im Business überzeugt Tesich durch sein tiefes Verständnis für seine Charaktere und staubtrockenen Humor. Tesich schafft es, beim Leser Mitgefühl für den eigentlich abgrundtief unsympathischen Protagonisten zu wecken. Sicher, Saul ist mit seiner chronischen Angst vor Intimität kein Charakter, der es einem leicht macht, aber durch seine ironische Sichtweise auf das Leben nimmt er sich selbst auf die Schippe.

“Wenn ich ein Irrer bin, was sehr wohl sein kann, dann bin ich eine Art neuer, verbesserter Irrer, mit einem neuen und verbesserten Irresein, das mir fortwährend erlaubt, mit mir selbst ins reine zu kommen.”

Abspann ist ein bitterböser, zynischer Roman, der den Leser auf eine Achterbahnfahrt durch alle möglichen menschlichen Emotionen mitnimmt und durch Tesichs Humor und seinen ausgefeilten Stil besticht. Wirklich schade, dass es neben “Ein letzter Sommer” keine weiteren Romane von Steve Tesich gibt, ich hätte gerne noch mehr von diesem herausragenden Autor gelesen.

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Ian McEwan – Liebeswahn

Liebeswahn

Es hätte ein herrlicher Tag werden können, Joe und seine Frau Clarissa sitzen in den Chiltern Hills und wollen ihr Wiedersehen gerade mit einem Picknick feiern, als ein Schrei die Idylle zerstört. Ganz in der Nähe kämpft ein Mann verzweifelt damit, einen Ballon mit einem Kind an Bord am Boden zu befestigen, jedoch macht ihm der Wind einen Strich durch die Rechnung. Der Ballon reißt sich los und droht, mitsamt dem kleinen Passagier davon zu wehen. Durch die Schreie aufmerksam geworden laufen einige Helfer auf den Ballon zu, und tatsächlich sieht es zuerst danach aus, als ob die fünf den Kampf gegen den Wind gewinnen könnten. Ein erneuter Windstoß, einer der Helfer lässt los, dann der nächste…und schließlich fliegt der Ballon mit dem letzten Helfer, den Arzt John Logan davon. Die entsetzten Männer werden schließlich Augenzeugen, wie der entkräftete Mann sich nicht mehr halten kann und in die Tiefe stürzt. Jed Parry, einer der Helfer folgt Joe schließlich zur Absturzstelle…

Und ich lebe noch. Es war Zufall, wer in jedem beliebigen Augenblick am Leben war und wer tot. Zufällig war ich am Leben.

Ian McEwan erzählt virtuos aus Sicht des Wissenschaftsjournalisten Joe, der nach dem tragischen Zwischenfall zunächst von Schuldgefühlen und schließlich auch von Jed Parry bedrängt und verfolgt wird. Schon die erste Szene brennt sich ins Gedächtnis und würde schon ohne den liebeskranken Stalker eine Romanhandlung tragen. Die Frage nach der Schuld, die Frage danach, wer zuerst losgelassen hat fesselt den Leser und quält Joe durch die erste Nacht, die schließlich mit Parrys ersten Anruf und dem folgenden Liebesgeständnis der Auftakt zur eigentlichen Tragödie ist.

Konflikte hatten, wie Organismen, eine natürliche Lebensdauer. Das Kunststück bestand darin, zu wissen, wann man sie sterben lassen mußte.

“Liebeswahn” erzählt den Kampf um die Liebe, wobei McEwan virtuos zwischen den “Kriegsschauplätzen” springt. Jed, der vermutlich unter dem Clérambault-Syndrom leidet, stellt dem Objekt seiner Begierde nach und treibt damit einen Keil zwischen Joe und Clarissa, die schließlich um ihre Liebe kämpfen müssen. Clarissa empfindet Joes Sorgen als paranoid, Joe fühlt sich von Clarissa unverstanden und im Stich gelassen während Parry sich nicht abschütteln lässt und schließlich zu verzweifelten Mitteln greift. Am Tag des Unfalls wurde ein Netz gesponnen, dass sich immer enger um Joe zuzieht. Um sein Gewissen zu beruhigen und einen Schlussstrich unter die Sache ziehen zu können entschließt sich Joe schließlich, die Witwe von John Logan zu besuchen. Ein Besuch, der ihn nur noch tiefer in einen Strudel aus Verzweiflung zieht und der eine erneute Kontaktaufnahme mit den verbleibenden Helfern nötig macht.

Es kommt nicht so oft vor, dass mich ein Buch tief berührt, dass wirklich etwas “bleibt” und ich auch lange nachdem ich die letzten Seiten gelesen habe noch oft daran denken muss. Ian McEwan hat das mit “Liebeswahn” geschafft. Die minutiös erzählte Handlung ist unglaublich fesselnd, McEwan schreibt sprachlich brilliant davon, wie ein paar Sekunden über den Fortgang unseres Lebens entscheiden können. Unwillkürlich lässt man sein eigenes Leben Revue passieren und fragt sich, was wohl passiert wäre, wenn…ein sehr beeindruckender, gut recherchierter Roman!

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Sean B. Carroll – Die Darwin-DNA

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Die DNA-Analyse ist längst ein anerkanntes Mittel zur Ermittlung des Täters in Kriminalfällen oder Vaterschaftstest, aber dennoch zweifeln immer noch Menschen die Evolutionstheorie an. Völlig unverständlich, wie nicht nur Sean B. Carroll, ein renommierter Forscher auf dem Gebiet der vergleichenden DNA-Forschung findet. Mittlerweile ist das Genom des Menschen und auch das vieler Tiere vollständig entschlüsselt und in unserer DNA häufen sich Beweise, die die Evolutionstheorie untermauern.

Sean B. Carroll nimmt den Leser auf unterhaltsame Art und Weise auf die Reise durch die Zeit und gibt einen faszinierenden Einblick in die Forschung der Entstehung und Entwicklung des Lebens. Was hat es sich mit unserer DNA auf sich, was sind Mutationen und wie beeinflussen sie die Entwicklung der Arten? Welche Rolle spielt die natürliche Selektion und welche Spuren hinterlässt sie im Genom? Zunächst erklärt er das Grundprinzip der Evolution, das Zusammenwirken der Faktoren Variation, Selektion und Zeit.

Schön und gut, wie aber kann anhand von Spuren in der DNA die Evolution belegt werden? Die Anzahl an Genen, die für die Entwicklung von Organen und Gliedmaßen benötigt wird und damit den Grundbauplan des Lebens darstellen ist vergleichsweise überschaubar. In unserer DNA finden sich aber keineswegs nur aktive Gene, auch unsterbliche, fossile Gene mit ehemals überlebenswichtigen Informationen sind nach wie vor enthalten. Wir tragen einen Teil der Geschichte der Evolution also unübersehbar in uns. Besonders interessant und überraschend ist auch die Erkenntnis, dass die Evolution sich wiederholt.

Dennoch wird die Evolutionstheorie besonders von den Kreationisten in den USA immer noch verleugnet. Noch immer befindet sich in manch einen Schulbuch hinweise darüber, dass die Evolutionstheorie als “Meinung” interpretiert werden sollte, als unbestätigte Theorie, der zwar mit Offenheit begegnet werden soll, die allerdings kritisch hinterfragt werden sollte. Carroll gibt den Leser schließlich zahlreiche aufschlussreiche und schlagkräftig wissenschaftlich untermauerte Argumente an die Hand, mit denen sich die Kritikpunkte der Kreationisten widerlegen lassen. Dennoch legt Carroll wert darauf, dass die Priorität doch darauf liegen sollte, die gesamte Kraft zur Erhaltung der vielfältigen Produkte der Evolution eingesetzt wird anstatt pseudowissenschaftliche Wortgefechte zu führen.

„Mittlerweile braut sich durch Überfischung, Umweltverschmutzung und den vom Menschen verursachten Klimawandel ein Unwetter zusammen, das ganze Ökosysteme ohne jede Chance auf Erholung auszulöschen droht”

“Die Darwin-DNA” ist auf jeden Fall ein ansprechendes, auch von Laien gut lesbares und verständliches Sachbuch. Ein faszinierender Einblick in die Erkenntnisse der Genforschung, den ich allen Interessierten nur empfehlen kann!

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Florian Illies – 1913: Der Sommer des Jahrhunderts

1913

Europa ist ein brodelnder Hexenkessel, der kurz vor Ausbruch des wohl verheerendsten Krieges der Menschheit steht. Im Death Valley, Kalifornien/Nevada wird mit 56,7 °C die bisher höchste Temperatur gemessen. Marcel Proust sucht nach der verlorenen Zeit, Franz Kafka wirbt in langen, wunderschönen Briefen um die Gunst von Felice Bauer. Der Prototyp des ersten Aldi-Supermarkts entsteht in Essen während in Mailand die erste Prada-Filiale eröffnet wird. Marcel Duchamp erfindet zwar nicht das Rad neu, wohl aber das Ready-made. In der Zwischenzeit sitzt der österreichische Postkartenmaler Adolf Hitler in München an kleinbürgerlichen Stadtansichten…

Max Beckmann schreibt in sein Tagebuch: “Der Mensch ist und bleibt doch ein Schwein erster Klasse.”

1913, 12 Monate, 12 Kapitel, in denen Florian Illies den Leser auf eine Zeitreise durch die Geschichte nimmt, mal begleitet er Kurt Tucholsky beim Versuch, eine eigene Zeitschrift zu gründen, sieht Rainer Maria Rilke bei seinen lästigen gesellschaftlichen Pflichten über die Schulter während Adolf Loos erkennt, dass das Ornament ein Verbrechen ist. Viele Namen, die man alle schon einmal gehört hat, viele Namen, zu denen einen vielleicht auch das eine oder andere einfällt oder auch: viele Namen, die man unbedingt kennen muss. Illies kennt sie alle und verwebt ihre Geschichten zu einen lustvollen, amüsant zu lesenden Panorama eines ereignisreichen Jahres.

Juni

1913 war ein besonderes Jahr, wenngleich ich auch ganz ehrlich zugeben muss: aus dem Stegreif fallen mir relativ wenige Begebenheiten dazu ein. Ich gebe es ja zu: Geschichte war früher nie mein Lieblingsfach, irgendwann war ich der gefühlt hundertsten Wiederholung des 2. Weltkrieges leid. Geschichtsunterricht war für mich immer zu sehr auf die politische Geschehen fokussiert während Themen wie Literatur und Kunst wenn überhaupt nur ein stiefmütterliches Dasein behaupten konnten. Deshalb war ich sehr angenehm überrascht, mit welch leichter Hand Illies die Geschehnisse des Jahres 1913 anhand Anekdoten von Protagonisten aus Literatur, Kunst und Musik nachzeichnet. Für diese Art von Geschichtsstunde war es höchste Zeit, und ehrlich: ich wünschte, Illies würde sich daran machen, doch bitte alle Jahre niederzuschreiben. Utopisch, ich weiß. Aber vieles, was im Jahre 1913 noch utopisch schien ist heute längst selbstverständlich.

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Hjorth & Rosenfeldt – Der Mann, der kein Mörder war

Der Mann

Sebastian Bergman ist ein Kotzbrocken, wie er im Buche steht. Unausstehlich, aber zum Leidwesen seiner Kollegen hochintelligent und ein brillianter Kriminalpsychologe. Damit macht er sich unverzichtbar als in einem Waldstück in der Nähe des verschlafenen Örtchens Västerås, Bergmans Heimatstadt, die bestialisch zugerichtete Leiche eines Jungens gefunden wird. Ein brutaler Mord, bei dem der Täter seinem Opfer das Herz herausgeschnitten hat. Die Leiche ist schnell identifiziert, es handelt sich um Roger, einen sensiblen Jungen, der das örtliche Elitegymnasium besuchte. Die örtliche Polizei ist angesichts der Brutalität des Mordes überfordert und ruft das Team der Reichsmordkommission um Kommissar Torkel Höglund aus Stockholm zu Hilfe. Die Zusammenarbeit mit Höglunds alten Bekannten Bergman gestaltet sich schwierig und auch sein Team ist alles andere als begeistert. Aber es gestaltet sich nicht so einfach, hinter die gutbürgerliche Fassade von Västerås zu blicken…

“Der Mann, der kein Mörder war” ist ein klassischer Whodunit, das Autorenduo Hjorth & Rosenfeldt versteht es meisterhaft, den Leser in ihren Bann zu ziehen. Der Krimi ist (vielleicht fast etwas zu sehr?) durchdacht und führt den Leser immer wieder auf verschlungenen Pfaden durch das verschlafene schwedische Örtchen und lässt mich – genau wie das Ermittlungsteam auch – nicht mehr zu Atem kommen bevor der Fall nicht gelöst ist. Zunächst sieht es aus, als würde es sich um einen bestialischen Ritualmord handeln, vielleicht war sogar ein Serienkiller am Werk? Doch ganz so einfach ist die Lösung wie so oft im Leben eben doch nicht und in Västerås ergibt sich noch die eine oder andere überraschende Erkenntnis, die auch das Opfer betrifft…

Bergman hat sehr oft den richtigen Riecher und schreckt auch nicht davor zurück, sich mit seinen Alleingängen unbeliebt zu machen und die Ermittlungen scheinbar zu beeinträchtigen. Ein fürchterlicher, unbelehrbarer Querkopf also? Nun, so ganz gelingt es dem Autorenduo nicht,die abschreckende Fassade des Kotzbrocken Bergman aufrecht zu erhalten, schließlich lassen sie den Leser auch ein bisschen hinter die Kulissen blicken. Bergman hat den Verlust seiner Familie beim Tsunami 2004 nie verkraftet und versucht, diese Leere mit sexuellen Eskapaden zu bekämpfen. Aber auch die anderen Charaktere sind schillernde Persönlichkeiten, da wäre beispielsweise der vollkommen überforderte Polizist Haraldson, der eine Vermisstenanzeige über seinen privaten Angelegenheiten vergisst und sich dann beim Versuch, sich als Held der Ermittlung zu profilieren von einem Fettnäpfchen ins nächste manövriert. Aber auch der sonst so perfektionistischen Kriminaltechnikerin Ursula unterlaufen einige Fehler…

Hjorth & Rosenfeldts Stärke ist eindeutig die starke Ausarbeitung der Charaktere, die allerdings auch nötig ist, schließlich streben die Autoren eine Serie um Bergman an. Diese Stärke ist aber zugleich auch eine Schwäche von “Der Mann, der kein Mörder war”. Für meinen Geschmack werden vielleicht etwas zu viele Figuren zu ausführlich eingeführt, was der Serienabsicht zwar zuträglich ist, dem Krimi als Einzelwerk aber etwas den drive nimmt. Ein bisschen weniger Personalien und dafür ein bisschen mehr Schwung hätte dem Erstlingswerk der beiden Autoren, die ihre berufliche Heimat eigentlich in der Filmproduktion haben gut getan.

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Live-Lesung: “Der Tod bin ich”

Ab 20 Uhr geht es los: Blogg dein Buch und der Antje Kunstmann Verlag starten mit Blog Television (Blog TV). Dieses Mal liest Tim Bergmann “Der Tod bin ich” von Max Bronski, ein vielversprechender Thriller, der sich sowohl mit Fragen der theoretischen Physik als auch der ethischen Verantwortung der Wissenschaft befasst. Ich bin gespannt und hoffe, ich schaffe es rechtzeitig an den heimischen Computer. Viel Spaß!

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Carlos Ruiz Zafon – Der Gefangene des Himmels

Weihnachtszeit im Jahre 1957, Barcelona, die Buchhandlung Sempere & Söhne kämpft ums Überleben. Ein unheimlicher Mann betritt den Laden und besteht darauf, das wertvollste Buch, eine Ausgabe von “Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas zu kaufen. Er lässt es anschließend mit einer Widmung im Laden zurück: “Für Fermín Romero de Torres, der von den Toten auferstanden ist und den Schlüssel zur Zukunft hat. 13″ Besagter Fermín ist die rechte Hand der Semperes und zum unverzichtbaren Inventar der Buchhandlung geworden, allerdings reagiert der gute Fermín angesichts des teuren Geschenkes alles andere als begeistert. Sein geheimnisvolles, bisher unbekanntes Vorleben scheint ihn einzuholen, ausgerechnet kurz vor seiner Hochzeit muss er sich seiner dunklen Vergangenheit stellen.

Ruhen Sie sich jetzt aus, mein Freund. Der Himmel kann warten. Und die Hölle ist zu klein für Sie.

“Der Gefangene des Himmels” ist bereits das dritte Buch in Zafóns Reihe um die Buchhandlung Sempere & Söhne in Barcelona. In “Der Schatten des Windes” wird der junge Daniel Sempere von seinen Vater in das Geheimnis vom “Friedhof der vergessenen Bücher” eingeführt, der Sohn des Buchhändlers sucht sich ausgerechnet den Roman “Der Schatten des Windes” vom unbekannten Autor Julián Carax aus. Der zweite Band, “Das Spiel des Engels” ist eigentlich ein Prequel zu “Der Schatten des Windes” und beleuchtet das Leben des ehrgeizigen jungen David Martin, der sich zunächst vom Zeitungsredakteur zum Schriftsteller hoch arbeitet. In “Der Gefangene des Himmels” betritt Fermín Romero de Torres, der bisher eher eine Nebenrolle gespielt hat endlich als Hauptfigur die Bühne.

Ein kurzes Vorwort von Zafón informiert, dass “Der Gefangene des Himmels” zum Zyklus von Romanen um den Friedhof der vergessenen Bücher gehört. Die Idee dahinter ist, dass die einzelnen Bände der Reihe in beliebiger Reihenfolge oder auch für sich alleine stehend gelesen werden können. Ich persönlich habe die Reihe in der Reihenfolge des Erscheinens gelesen und würde das auch so empfehlen, es hat mir geholfen, das “große Ganze” dahinter zu erahnen. “Der Gefangene des Himmels” lässt sich allerdings sicherlich auch ohne Kenntnis seiner Vorgänger gut lesen.

“Der Schatten des Windes” hat mich damals absolut gefesselt und verzaubert, diesselbe Magie bringt “Der Gefangene des Himmels” zwar nicht auf, aber dafür zeigt Zafón hier seine komische Seite, die Dialoge sind gewitzter und schärfer als in den Vorgängebänden. Zafóns Sprache ist wie gewöhnt üppig und ausschweifend, aber er hat sich weitgehendst im Griff und umgarnt den Leser wie eine Spinne. Seine Fäden sind zart, was er aber tatsächlich zu sagen hat ist starker Tobak. Fermín, ich habe mich schon bei “Der Schatten des Windes” gefragt, wieso er so unglaublich loyal zu Sempere ist und was eigentlich sein Geheimnis ist. “Der Gefangene des Himmels” zeigt, dass Fermín tatsächlich mit allen Wässern gewaschen ist, das Leben ihn andererseits aber auch nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst hat.

Ich habe immer gedacht, wer sich einer Herde zugehörig fühlt, hat etwas von einem Hammel.

Ein negativer Nachgeschmack bleibt aber: Zafón gibt mir das Gefühl, dass “Der Gefangene des Himmels”vorwiegend den Weg für den vierten und letzten Band ebnen soll. Schon “Das Spiel des Engels” konnte mich nicht richtig überzeugen, es ist allerdings schon einige Zeit her, dass ich das Buch -auf englisch!- gelesen habe und damals habe ich es auch dem Sprachwechsel zugeschrieben. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, Zafón lässt nach. Vielleicht ist es aber auch nur meine eigene Faszination für die düsteren Geschichten aus dem Barcelona der 50er Jahre, die einfach nicht mehr mit den hohen Erwartungen Schritt halten kann? Bisher erscheint mir der Zyklus um den “Friedhof der vergessenen Bücher” wie ein Streichholz: der Auftakt war atemberaubend, doch das Feuer züngelt mittlerweile nur noch schwach. Allerdings ist es immer noch heiß genug, um mir die Finger daran zu verbrennen.

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Literatur im Advent – A perfect december afternoon

Dezember und Bücher, das gehört für mich untrennbar zusammen. Okay, das gilt natürlich auch für das restliche Jahr, aber Dezember ist immer ein besonderer Büchermonat. Weihnachten und damit verbunden natürlich die Suche nach möglichst tollen Weihnachtsgeschenken für die Liebsten stehen an und außerdem…es gibt nichts tolleres als in eine Decke eingemummelt auf dem Sofa zu liegen, eine dampfende schön ausgekühlte Tasse Tee zu trinken und die Nase ganz tief in ein Buch zu stecken. Es gibt nichts schöneres? Na gut, okay. Ein Nachmittag in einem netten kleinen Cafe unter lauter Büchermenschen ist auch nicht zu verachten. Heute hat es mich also zu einer Veranstaltung der hiesigen VHS verschlagen und ich bin leider mit vielen neuen Büchern auf der Wunschliste zurück.

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Ein Buchhändler, die Leiterin der VHS-Geschäftsstelle, ein Künstler/Autor sowie eine Mitarbeiterin des örtlichen Kunstmuseums haben ihre Lieblingsbücher und aktuelle Neuerscheinungen vorgestellt. Das Publikum war nicht ganz so bunt durchmischt wie ich es mir gewünscht hätte, es waren vorwiegend ältere/sehr reife Semester dort. Irgendwie schade, dass sich meine Altersklasse eher selten zu solchen Veranstaltungen verirrt, aber es war dennoch ein toller Nachmittag. Einige der Lieblingsbücher – unter anderem “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” und “Die Bücherdiebin” waren mir schon bekannt, anderen werde ich bald die Chance geben, meine neuen Lieblingsbücher zu werden.

Literatur

Ganz oben auf meiner Liste steht z.B. “Willkommen auf Skios” von Michael Frayn, ein Lieblingsbuch des Buchhändlers, das vom Stil her ähnlich wie “Der Hundertjährige…” sein soll. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein berühmter Gastredner, der auf einer Tagung einer amerikanischen Gesellschaft auf einer griechischen Ferieninsel eine Rede halten soll. Leider kommt es am Flughafen wohl zu einer Verwechslung…hört sich etwas nach Hallgrimur Helgasons “Zehn Tipps…” an, von dem ich ja hellauf begeistert war. Ich bin jedenfalls gespannt darauf, was auf Skios passiert…

Was 1913 – im Jahr vor Beginn des ersten Weltkriegs – passiert ist, ist dagegen zwar schon bekannt, aber dennoch reizt mich Florian Illies’ Aufarbeitung eines Jahres, dass ein ganzes Jahrhundert geprägt hat. Die “Generation Golf” habe ich zwar verpasst, Illies’ Debüt hat mir aber dennoch sehr gefallen, also werde ich  mich vom Kunsthistoriker Illies gerne auch auf eine Zeitreise ins Jahr 1913 einlassen.

Von der Zeitgeschichte zurück auf das wesentliche, der Ursprung aller Geschichten: Gefühle! Goffredo Parises “Fibel der Gefühle” ist mittlerweile unter dem Titel “Alphabet der Gefühle” erhältlich und scheint mir eine schöne Geschenkidee für mich italienisch lernende Familienmitglieder zu sein. Parise erzählt, angefangen mit “Amore” für jeden Buchstaben des Alphabets eine Geschichte aus dem italienischen Leben. Noch ein italienischer Autor gefällig? In “Die Zeit altert schnell” erzählt Antonio Tabucchi von der Vergänglichkeit des Lebens.

Bis zum Frühling ist es zwar noch etwas hin, aber “Verzauberter April” von Elizabeth von Arnim reizt mich jetzt schon. England in den Zwanzigern: Vier Ladys wollen dem tristen Alltag entfliehen und mieten sich in ein italienisches Castello ein. “Verzauberter April” erschien bereits 1922 und ist Elizabeth von Arnims bekanntester Roman.

Aufgelockert wurden die Buchvorstellungen von einigen, teilweise von den Vortragenden selbst geschriebenen Weihnachtsgeschichten und Gitarrenklänge. So viel Lese-Inspiration, und natürlich gibt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Mir fehlten einige meiner liebsten Bücher aus der letzten Zeit, z.B. Juli Zehs Nullzeit, Tana Frenchs subtile Krimis (z.B. Schattenstill), oder auch Carlos Ruiz Zafón (aktuell ja mit “Der Gefangene des Himmels” auf den Bestsellerlisten vertreten). Andererseits ist ein Platz auf der Bestsellerliste nicht zwingend mit dem Prädikat “tolles Buch, unbedingt lesen!” verbunden. Natürlich freue ich mich, wenn eines meiner Lieblingsbücher die Bestsellerlisten stürmt und damit den verdienten Erfolg einfährt, aber gerade hinter Empfehlungen abseits des Mainstreams findet sich die eine oder andere Perle.

Welche Bücher ich dieses Jahr verschenke werde ich aus gegebenen Gründen natürlich (noch?) nicht verraten. Aber vielleicht habt ihr ja auch ein paar Anregungen für mich? Ansonsten wünsche ich euch eine schöne, erholsame und lesereiche Adventszeit!

[P.S.: Bitte entschuldigt die grottige Fotoqualität, ich war leider nur mit meinem Handy bewaffnet.]

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Rainer Schmitz – Was geschah mit Schillers Schädel?

oder: Alles, was Sie über Literatur nicht wissen. Frei nach dem Sokrates zugeschriebenen Zitat “Ich weiß, dass ich nichts weiß” (alleine dieses Zitat ist schon wieder einen Eintrag wert!) konfrontiert mich Rainer Schmitz, seines Zeichens Kulturredakteur beim Focus auf 1722 Seiten (+ umfangreiches Register) allerlei mehr oder weniger Wissenswertes über Literatur. Offensichtlich weiß ich also jede Menge nicht über Literatur, und dem kann ich nicht mal widersprechen. Das sollte sich mit diesem üppigen Nachschlagewerk, dass sich nun doch schon einige Monate in meinen Besitz befindet ändern.

Wenn Schwächlinge Anfangen, über den ersten Buchstaben des Alphabets nachzudenken, können sie ganz schnell dem Wahnsinn verfallen! (Arthur  an Paul Demeny am 15. Mai 1871)

Los geht es also mit A. wie oben zitiert. Schon der erste Eintrag ist bitterböse und lässt auf viel Klatsch und Tratsch aus der Literaturbranche hoffen. Diese Hoffnung wird nicht enttäuscht, wir erfahren von Ablehnungen (“Es ist unmöglich, ein Buch über einen unbekannten holländischen Maler zu verkaufen.” -> Doubledays Kommentar zu Irving Stones Buch über Vincent van Gogh, dass sich nach Veröffentlichung 1934 schließlich über 25 Millionen mal verkaufte), Anfangsrituale, Drogen, Ladenhüter, Mordversuche, Plagiate bis hin zum Rätsel um die Zahl Zweiundvierzig wird keine Kuriosität ausgelassen.

Literatur ist gedruckter Unsinn. (August Strindberg)

Schmitz Kompendium ist mir mittlerweile ans Herz gewachsen und ich hole es in ruhigen Minuten immer wieder gerne aus dem Regal und lasse mich vom Zufall verführen. Einfach blind irgendwo aufschlagen, lesen und staunen. Jetzt weiß ich z.B., dass der 23. April der Welttag des Buches ist weil an diesem Tag im Jahre 1616 sowohl William Shakespeare als auch Miguel de Cervantes Saavedra über den Jordan gegangen sind. Auf Vorschlag von Spanien wurde dieser Tag im November 1995 schließlich von der Unesco zum Welttag des Buches erklärt. “Was geschah mit Schillers Schädel?” ist ein tolles Nachschlagewerk für begeisterte Leseratten und eignet sich prima als Geschenk für liebe Menschen mit einer Affinität für “gedruckten Unsinn”.

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